TINNITUS LOSLASSEN, aber WIE?

Wie kommt es eigentlich, dass viele Menschen gut mit ihrem Tinnitus klarkommen, während andere erheblich unter ihren Ohrgeräuschen leiden und sich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt fühlen? Nur wenige wissen, dass nicht die Lautstärke oder Tonqualität des Tinnitus primär den Leidensdruck verursachen, sondern unsere persönliche Denk-,Fühl- und Handlungsweisen, die sich im individuellen Tinnitus-Krisenmanagement widerspiegeln. Das zeigen Studien ebenso wie meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit Tinnitus-Klient*innen.
Da ich mir durchaus bewusst bin, dass dieser nüchterne Blick auf die Realität bei vielen Betroffenen den Gedanken auslösen kann: „Dann bin ich ja selbst Schuld, dass ich unter meinen Ohrgeräuschen leide“, lade ich dich zunächst ein, dich einen Moment zurückzulehnen und einmal tief durchzuschnaufen. Versuche eine offene Haltung einzunehmen. So bleibst du berührbar und kannst von meinen nachfolgenden Ausführungen profitieren, mit denen ich dir Mut und Zuversicht zusprechen möchte.

Tinnitus verstehen ist der erste Schritt zur Heilung

Tinnitus ist mehr als eine Geräusch. Es ist ein hochkomplexes Geschehen, dass sowohl körperliche wie auch psychische Vorgänge und deren Zusammenspiel in unserem Organismus umfasst. Je besser wir den Tinnitus und unsere eigenen Verhaltens- und Reaktionsweisen auf ihn verstehen, desto leichter können wir so mit ihm umgehen, dass unser Leiden abebbt. In meinem neuen Ratgeber „Tinnitus loslassen - Neueste Erkenntnisse aus der Gehirnforschung umsetzen" nehme ich dich dafür an die Hand. Ich zeige dir, dass du dem Tinnitus keineswegs hilflos ausgeliefert bist und was du tun kannst, um wieder ein rundum zufriedenes Leben zu führen.  In diesem Blogartikel beleuchte ich den wichtigen Aspekt der Akzeptanz. 

Was bedeutet Akzeptanz wirklich?

Den chronischen Tinnitus zu akzeptiere, ist für viele Betroffene eine große, oft unüberwindbar erscheinende Schwierigkeit. Ich kann das sehr gut nachempfinden, denn ich selbst habe weit über ein Jahr hinweg Tinnitus erlitten und tüchtig gegen ihn angekämpft. Auch ich erlebte schon den bloßen Gedanken daran, ihn akzeptieren zu müssen, als ein absolutes No-Go.  Ebenso geht es vielen Betroffenen, die in meine Praxis kommen. Speziell für Kämpfernaturen stellt Akzeptanz oder Annehmen eine echte Herausforderung dar, weil Akzeptanz sich für sie wie Aufgeben und Verlieren anfühlt. Lieber kämpfen sie wie Don Quijote gegen Windmühlen, auch wenn es ihre letzten Kraft- und Geldreserven kostet, um gefühlt nicht in der Opferrolle zu versinken.

Akzeptanz hat nichts mit Aufgeben zu tun

Es wäre wirklich ungünstig, wenn Akzeptieren und Annehmen tatsächlich bedeuten würde, dass man sich geschlagen gibt und dann dem Tinnitus hilflos ausgeliefert ist.
Hier ist es wichtig zu differenzieren: Das Annehmen eines aktuellen Zustandes hat nichts mit Aufgeben zu tun. Wenn du akzeptierst, was ist, dann erkennst du lediglich an, dass es Dinge im Leben gibt, die du weder verändern noch kontrollieren kannst. Akzeptanz nimmt eine Schlüsselposition bei der Veränderung ein, die sich Tinnitus Betroffene so wünschen - nämlich dass der Tinnitus kein Thema mehr in ihrem Leben ist. Daher ist es mehr als klug, den chronischen Tinnitus als Realität anzunehmen.

Akzeptanz bedeutet persönliche Entwicklung

»Annehmen was ist, bedeutet im Kern auch, sich selbst anzunehmen - so, wie man sich gerade fühlt, wie der Körper funktioniert und wie man im Hier und Jetzt ist.« (V. König )

Was heißt das auf Tinnitus bezogen

Den Tinnitus als chronisch anzuerkennen, heißt häufig, sich auf einer tieferen Ebene den eigenen Gefühlen wie Traurigkeit oder Schuldgefühlen heilsam zuzuwenden. Wir sind für den Tinnitus vielleicht nicht verantwortlich, aber ja, wir dürfen Schuldgefühle haben und traurig sein.
• Bei einer chronischen Entwicklung des Tinnitus haben wir etwas Wertvolles verloren, nämlich unsere körperliche Unversehrtheit.
• Schuldgefühle melden sich immer, wenn etwas Geliebtes oder Kostbares durch Trennung, Tod oder Verlust unwiederbringlich ist. Kaum ein trauernder Mensch  bleibt von Selbstzweifeln verschont. »Hätte ich doch nur …«, »Wäre ich doch bloß …«, »Warum habe ich nicht …« sind Ausdruck davon.
• Schuldgefühle sind in einem Trauerprozess völlig natürlich, sie gehören dazu und helfen dir, deine Verlusterfahrung zu verarbeiten und den Tinnitus zu integrieren.

Die Krux mit der Verdrängung 

Viele unserer Verhaltens- und Reaktionsweisen im Umgang mit der Tinnitus-Krise entsprechen einem automatisierten Schaltplan unseres Gehirns, den wir bereits in unserer Kindheit gelernt haben. Verdrängen zu können war in der Kindheit oft unsere Rettung, wenn Schmerz oder Überforderung zu groß wurden, um sie noch verkraften zu können. Als Erwachsener verfügst du über wesentlich mehr Ressourcen und Erfahrungen, um Krisen zu bewältigen. Verdrängen schadet uns als Erwachsener da, wo wirksame Schritte verhindert werden und wir in leidvolle Trigger-Kreisläufe geraten, die das Problem mit aufrechterhalten.

Tinnitus loswerden wollen, ist etwas völlig anderes, als Tinnitus loszulassen!

die innere Haltung macht´s !

Vielleicht magst du dir für das Jahr 2025 vornehmen zu lernen, deine Ohrgeräusche Schritt für Schritt anzunehmen. Diese innere Haltung des Annehmens schadet auch nicht bei akutem Tinnitus. Im Gegenteil, du ermöglichst deinem genialen Gehirn, sich rasch an die Ohrgeräusche zu gewöhnen. Sie triggern dich dann emotional nicht mehr und wirken auch nicht mehr stressend auf dein autonomes Nervensystem. Vor allem sind die Ohrgeräusche deinem Gehirn dann immer weniger die Energie wert, sie weiterhin zu beobachten und in dein Bewusstsein zu »heben«! Es filtert die Ohrgeräusche weg. Folglich überhörst du sie.

 

Quellenangabe:
Tinnitus loslassen – Neueste Erkenntnisse der Hirnforschung umsetzen, A. Nowak 2024, vergl. S. 65, S. 107
 „Das wird nie wieder gut“ – Perspektivlosigkeit überwinden, V. König, Podcast 331, 27.12.2024